Ein gefeierter Star

Der Tag, an dem Kira, ein tibetanischer Tempelhund verschwand, war ein verregneter Sonntag. Aber Kira hatte es schon länger geplant, sich endlich von Herrchen Herbert zeitweilig zu trennen. Herbert war in letzter Zeit immer anhänglicher geworden. Kira durfte in seinem Bett übernachten. Nein, es war ein Müssen. Mit seiner großen Hand hob Herbert die kleine, zierliche Kira in sein Bett und legte sie neben sich auf ein extra weiches Kopfkissen, in dem sie versank. Keine Frage, sie konnte gut auf diesem Kissen einschlafen. Aber sie fand, dass sie verweichlichte. So hatte sie sich ihr Hundeleben nicht vorgestellt. Sie wollte Abenteuer erleben. Als Herrchen Herbert beim Weihnachtsmenü noch ein Stück zartes Rindfleisch über hatte, stopfte er es Kira liebevoll in das kleine Mäulchen. Keine Frage, es schmeckte vorzüglich. Aber wie gesund war das eigentlich für Menschen gedachte Fleisch? Sie brauchte eine Herausforderung. Sie wollte sich ihr Fleisch verdienen und dann dieses als Belohnung genießen. Kurzum, da war Kira wieder beim Thema Abenteuer. Ein richtiger Hund braucht Abenteuer. Und so trippelte sie auf ihren winzigen Pfötchen an besagtem Sonntag Ende März aus dem Leben von Herbert. Die beigefarbene Haarsträhne, die ihr die Sicht oft verdeckte, wehte kess zur Seite. Den Regen hatte Kira nicht bestellt. Aber das bisschen Wasser, sagte sie sich und hob stolz ihren Kopf an. Nach gut einer Stunde Marsch war ihr Fell durchnässt. Sie war die übliche Route wie beim Gassigehen gelaufen. Gleich kam die Stelle, an der ihr Herrchen immer umdrehte. Heute würde sie weiterlaufen. Sie setzte eine Pfote beherzt vor die andere. Die Steinchen auf dem Waldweg massierten ihre zarten Pfoten. Sie blieb stehen und leckte sie ab. Um nichts auf der Welt wollte sie jetzt aufgeben. Die Luft war klar und roch erdig mit einem leichten Duft von Baumharz. Sie marschierte weiter bergauf und bald hörte der Regen auf. In den Baumwipfeln sah sie einen Weißrückenspecht, der beharrlich auf einer Baumrinde hackte. Er machte immer wieder Pause, um die gefundenen Insekten zu verspeisen. Je mehr Kira über Essen nachdachte, fand sie, dass sie auch ein Häppchen vertragen könnte. Sie schnüffelte am Boden. Es roch nach Wanderstiefeln. Und wo Wanderer entlanglaufen, machen sie auch Rast. Und wo sie Rast machen, könnte was Essbares zu finden sein. Kira befand sich nun mitten in ihrem ersten Abenteuer. Würde sie es schaffen, etwas Essbares ausfindig zu machen? Sie stolperte über eine große Baumwurzel. Und gleich dahinter sah sie eine Bank und einen Papierkorb. Sie sprang auf die Bank, stellte die Vorderpfoten auf den Rand des Papierkorbes und steckte ihren Kopf tief hinein. Es roch herrlich nach Abenteuer. Ein Poutpourri aus Salami, Schinken, Leberwurst. Sie schnappte sich das erste Stück Brot, das sie zu fassen bekam. Sie legte ihre Beute auf der Bank ab. Nun gut, dieses Brot hatte schon mal bessere Tage gesehen. Sie biss herzhaft hinein und verschlang es. Sie musste aufstoßen. Ein leicht säuerlicher Geruch störte sie nicht. Sie hatte die erste Hürde geschafft. Sie hatte sich selber was zum Essen besorgt. Sie war nun nicht mehr dieser verwöhnte kleine Hund. Sie war nun Kira, der kleine Hund, der ein Selbstversorger ist. Sie fühlte sich großartig und hüpfte von der Bank. Sie war noch nicht auf dem Gipfel angekommen, als es anfing zu dämmern. Das Rascheln im Unterholz nahm zu. Was das wohl für Tiere waren? Mäuse? Ha, mit Mäusen würde sie klar kommen. Sollten die doch nur sie angreifen. Sie war um Etliches größer und stärker als eine Maus. Als sie dies dachte, huschte ihr bereits eine dunkelbraune Spitzmaus vor die Pfoten. Sie packte sie beim Schwanz, hob sie hoch, drehte sich ein paar Mal um sich selbst und ließ dann los. Die Maus piepste vor Schreck und verschwand wieder im Unterholz. Kira, die Mäusebezwingerin. So ein Abenteuer gab es nicht auf dem Sofa von Herrchen Herbert. Mit stolzen Schritten lief sie weiter. Doch irgendwann war es so stockfinster, dass sie kaum mehr die eigene Pfote vor den Augen erkennen konnte. Glücklicherweise befand sie sich in der Nähe von einem Laubhaufen. Der war ideal zum Übernachten. Sie ließ sich hineinplumpsen und erschrak, als ein Igel aus dem Laubhaufen floh. Der Igel hatte allerdings so viel Respekt vor Hunden, dass er Kira in Ruhe ließ. Also nahm sie auf dem Laubhaufen wieder Platz und versuchte einzuschlafen. Dieser Schlafplatz war wesentlich besser als dieses doofe weiche Kopfkissen für verwöhnte Hunde. Es roch herrlich nach Gerbsäure und somit nach Abenteuer. Und keine Minute später war Kira eingeschlafen. Und sie träumte von einer riesigen Maus, die sie mit ihrem Kläffen vertreiben konnte. Und sie träumte von einem Stück Bratwurst, das sie einem Hund abluchsen konnte. Und sie träumte von einem Bett aus Laub und Moos. Gut gelaunt wachte sie am nächsten Morgen auf. Heute würde sie den Gipfel besteigen. Sie blickte um sich. Und sie schaute ungläubig. Konnte das sein? Sie konnte ins Tal sehen. Sie war bereits oben. Und sie hörte einen Menschen rufen. War das ihr Name? Sie blinzelte und sah den Weg hinunter, den sie hochgestiegen war. Ein kleiner dunkelgrüner Fleck bewegte sich auf sie zu. Das war ihr Herrchen. Und ehe sie sich versah, setzten sich ihre Pfoten in Bewegung. Sie hechtete den Weg hinunter. Herrchen Herbert rief eindeutig „Kira!“. Ihre Hängeohren wehten nach hinten. Sie schnaufte bei jedem Aufsetzen der Pfoten. Kira ist die treue Hündin von Herrchen Herbert, dachte Kira. Sie ist nicht nur Kira, die ihre eigene Wurstbrotbeute findet. Nicht nur Kira, die Mäusebezwingerin. Nicht nur Kira, die auf Laubhaufen sagenhaft schlafen kann. Nein, sie ist in erster Linie Kira, die treue Hündin von Herrchen Herbert. Und so sprang sie freudig an Herberts Hosenbeinen hoch, schleckte seine Hand ab und ließ sich von ihm wie ein gefeierter Star ins Tal zurücktragen.

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