Fengo auf Abwegen?

Dieses Halloween möchte ich als Junge gehen. Natürlich kann ich mich als Vampir verkleiden, aber meine Oma Akela meint, dass Vampire unsere Feinde sind. Spätestens seit der Twilight Saga wissen das die Menschen. Meinem Vorschlag, als Frankensteins Monster mein Bestes zu geben, widersprach sie heftig. Sie habe Mary Shelleys Buch gelesen. Monster spielen, schade definitiv meiner Entwicklung. Oma kümmert sich um mich, weil meine Mutti Loona, um die sich ein Geheimnis rankt, bei meiner Geburt starb. Loona habe eine Schwester namens Martha. Übrigens, ich bin der Jüngste und meine Geschwister heißen Freya, Fenrir und Freki. Sie nerven nicht so viel, sagt Oma Akela. Sie haben nicht diese Ideen, vor allem nicht diese Sehnsucht, Mensch zu sein. Ich wäre ein Sorgen-Werwolf, jammert sie. Wegen mir hätte sie so viele graue Haare in ihrem rabenschwarzen Pelz. Aber ich kann nicht schweigen. Ich muss meiner Seele Luft machen. Ich möchte meinen Traum ausleben. Diese Verwandlung zu Vollmond in dieses klobige, behaarte Wesen, das rechtzeitige Ausziehen meiner Klamotten, die bösen Blicke meines Kieferorthopäden, all das strengt mich an. Ich will wenigstens an Halloween mal ausprobieren, wie es ist, ein Junge zu sein. Letztes Wochenende war ich mit Hilfe eines Ersatzschlüssels aus Omas Keksdose in der geheimen Bibliothek in unserem Schloss. Drei Meter hohe Regale, in denen dicke, in dunklem Leder eingebundene Bücher stehen, sind respekteinflößend. Aber mein Freund, der als Zauberlehrling bereits Weltruhm erlangt hat, half mir bei der Suche des gewünschten Buches. Obwohl wir durch die Gänge auf Zehenspitzen liefen, erwischte uns der Wächter der uralten Bibliothek. Mein Freund, um keinen Zauberspruch verlegen, belegte ihn mit einem Einfrier-Zauber. So konnten wir in Ruhe nach dem Buch „Aufhebung des Werwolf-Zaubers“ von Mercurius T. Absentinimus suchen. Mit Hilfe eines Schwebe-Zaubers beförderte mein Freund besagten Schmöker in der Abteilung „Menschwerdung“ aus dem fünften Regal über uns sanft zu einem der Eichentische. Er blätterte und blätterte. Die Illustrationen waren mit schwarzer Tinte gezeichnet, die grünlich schimmerte, da die golden leuchtende Tischlampe die Buchseiten beschien. Ich staunte und fühlte Aufregung in der Magengrube. Eine Zeichnung von Mercurius brannte sich in mein Gedächtnis. Sie stellte einen Werwolf in einem Kupferkessel dar. Er badete in einem Sud aus Schachtelhalm und Baldrian, während die Strahlen des Vollmondes seinen Kopf, der als einziges aus dem Sud herausragte, beleuchteten. Darunter standen zwei Sätze auf Latein, dessen ich nicht mächtig bin. Aber mein Freund entschlüsselte den Text in Windeseile. Es war ein Rezept für den Sud. Ich schnaufte. Bereits den Tag darauf war Vollmond und damit meine Verwandlung. Und das an Halloween. Oma Akela hatte nichts von diesem Ausflug mit meinem Freund in die geheime Schlossbücherei mitbekommen. Ich werde heute Abend dieses Kupferkesselbad nehmen und dann werde ich mich nicht in einen Werwolf verwandeln, sondern als Junge gehen. Und zwar für immer, wenn ich den Worten von Mercurius trauen kann. Ich fühle mich beflügelt von dem Gedanken. Während Menschenkinder, gemischt mit echten Werwölfen, Vampiren und Monstern, Süßigkeiten an den Haustüren in unserem Viertel erbetteln, steige ich unbemerkt in das Transformationsbad meines Lebens. Und Oma Akela würde denken, dass ihr Werwolf-Enkel schön brav Süßes oder Saures sammelt. Als die dunkle Nacht an meinem Fenster klopft, packe ich meinen orangen Beutel und wetze zur Haustür. Oma Akela schnuppert zum Abschied an meinen Haaren. Sie wirkt fröhlich. Ich atme auf, sie ahnt wirklich nichts. An der zweiten Wegkreuzung treffe ich meinen Freund, der das Verwandlungsbad vorbereitet hat. Er lacht und begrüßt mich mit „Süßes oder Saures?“. Ich grinse und antworte mit „Natürlich Saures.“. Andächtig schweigend laufen wir zum Wald. Der Vollmond ist hinter Wolken verdeckt. Mein Freund erklärt: „In genau zwanzig Minuten geben die Wolken die Sicht auf den Vollmond frei und dann musst du im Sud sitzen.“ Aufgeregt nicke ich ihm zu. Wir erreichen eine Lichtung im Wald. Von weitem kann ich den großen Kupferkessel erkennen. Eine Art Lampenfieber fährt mir durch die Glieder. Gedanken wie, ob das richtig ist, was dann mit Oma Akela ist und vor allem, wo ich dann leben werde, schwirren mir durch den Kopf. Ich kann doch jetzt nicht mehr kneifen, oder? Vor dem Kupferkessel bleiben wir stehen. Der Sud riecht angenehm und erinnert mich an meine frühe Kindheit, als ich mit meinen Geschwistern im Garten herumtollte. Ich will meine Geschwister nicht verlieren. Allerdings ist da noch dieses Geheimnis um meine Mutter. Mein Freund erkennt meinen zweifelnden Blick. „Fengo, deine Mutter würde sich freuen, wenn du den Schritt wagst.“ Meiner Mutter einen Gefallen tun, finde ich lohnenswert. Mein Freund nimmt meine Hand. „Fengo, es ist Zeit, dir zu sagen, dass dein Platz bei den Menschen ist.“ Er macht eine Pause und tunkt seine Hand in den Sud. „Die Temperatur ist jetzt okay.“ Ich zögere. Was, wenn es schief geht? Was, wenn es Oma Akela herausbekommt? Ich kämpfe mit meiner größten Angst. Angst, nicht gut genug zu sein. Aber ich habe es in der Hand. Mein Freund blickt sorgenvoll: „In genau drei Minuten schieben sich die Wolken zur Seite. Wenn du bis dahin nicht im Sud sitzt, verwandelst du dich wie immer zum Werwolf.“ Ich fühle mich bleischwer. Trotzdem entkleide ich mich. Ich tunke meine Hand in den Sud. Die Temperatur fühlt sich gut an. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass Kneifen auch seine Vorteile hat. Mein Freund faltet die Hände wie zum Gebet und beugt sich nach vorne, so dass ich mit meinem rechten Fuß in seine Hände steigen kann. Er hebt mich hoch und mit Schwung lande ich im Kessel. Wasser spritzt zur Seite und meinem Freund ins Gesicht. Wir lachen. Es vergeht nur eine Sekunde, bis sich die erste Wolke verflüchtigt und Mondstrahlen entlässt. Ich spüre ein Kribbeln auf meiner Schnauze und einen äußeren Druck, der sich nach innen kehrt. In meinem Schädel surrt es, als seien tausend kleine Stechmücken dicht an meinen Ohren. Der Sud beginnt zu blubbern. Ich merke kleine Stromschläge. Ich will heulen, aber ich sage „Hol mich raus“. Ich habe das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren. Da hebt mich mein Freund mit einem Schwebe-Zauber aus dem Bad. Fröstelnd ziehe ich mich an. Er umarmt mich erleichtert. Endlich weiß ich, wo ich heute an Halloween anklingel. Bei meiner Tante Martha. Die wird Augen machen. Süßes oder Saures.

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