Der Trank

“Was willst du bezwecken, Maurin?” Die Stimme des großen Zauberers Dandruff hallte in der unterirdischen Höhle. Maurins Blick begutachteten den weiten Mantel aus dunkelblauem, feinstem Samt und die buschigen grauen Augenbrauen, die über den tiefblauen Augen thronten. Maurins Stimme war sanft wie das Schnurren einer Katze. “Edler Zauberer Dandruff, ich erlaube mir zu sagen, dass ich den Hass ausmerzen möchte.” Dandruff quiekte vor Überraschung. “Den Hass kann keiner ausmerzen, dafür gibt es ihn schon viel zu lange.” Emsig rührte Maurin mit einem knorrigen Lärchenast in dem kupfernen Kessel. Das Feuer unter dem Kessel loderte und roch nach Moos und feinwürzigem Baumharz. Im Schein der großen Fackel, die an der roten Felswand befestigt war, zeichnete sich ein überdimensionales Ebenbild von Maurin an der Wand ab. Sein Ebenbild war zwei Meter groß und glich dem eines Menschen. Maurin wusste, dass im Vigilienland in letzter Zeit Änderungen stattfanden. Das große Erdbeben vor einem Monat hatte dazu geführt, dass viele Zwerge aus ihrer Heimat flüchteten und im Vigilienland Zuflucht suchten. Auch Maurin war geflüchtet, denn seine gesamte Familie war durch das Unglück ausgelöscht worden. Das Vigilienland versprach ihm eine Zukunft und deswegen suchte er Kontakt zu dem großen Zauberer Dandruff, den er aus den Erzählungen seiner Kindheit bereits kannte. Dandruff war bekannt für seine Hilfsbereitschaft. Maurin wusste, dass das große Erdbeben ein Zauber der Riesen war. Sie hassten die Zwerge seit Urzeiten und dem wollte er endlich entgegenwirken. Maurin rieb sich das Kinn. “So wie manche Pflanzen Wasser speichern, bräuchte ich eine Pflanze, die Worte speichert.” Dandruffs Stimme vibrierte. “So eine Pflanze gibt es nicht im Vigilienland.” Dann hellte sich sein Gesicht auf. “Maurin, aber ich kenne einen Gegenstand, der dazu fähig ist.” Maurin und Dandruff streiften zwei Stunden durch das Vigilienland, vorbei am Schwarzen See, dessen kühles Wasser sie in ihren Boxbeutel-Flaschen abfüllten. Sie betasteten die Oberfläche eines mannshohen hellgrauen Steines, der mit Moos bewachsen war. In der Mitte fanden sie eine Vertiefung und befüllten diese mit dem Wasser. Dandruff sprach einen Spruch, damit das Wasser das Wesen der Steine aufsaugen sollte. Es war einer von Dandruffs eindrucksvollen Sprüchen, denn es flogen kleine Funken aus dem Wasser heraus. Die Oberfläche des Wassers glänzte nun golden. Dandruff nahm einen Schlauch, steckte ihn in das goldene Wasser und hielt ihn nach unten, wo die Flasche als Auffangbehälter diente. Dandruff zwinkerte Maurin zu. Als Maurin einen Fuß in der Größe des Steines neben dem Stein sah, zupfte er Dandruff am Mantel. Der Fuß war in einem braunen Fellschuh gehüllt. Als Dandruff nach oben blickte, entdeckte er das Wesen, das zu diesem Fuß gehörte. Blitzschnell versteckte er die Flasche mit dem goldenen Wasser unter seinem Mantel. Dann hörten Dandruff und Maurin das Knacken und Brechen von Lärchenästen und ganzen Baumstämmen. Eine starke Luftbewegung ließ sie erstarren. Es war unübersehbar ein Riese, der sie ausfindig gemacht hatte. Und er beugte sich zu ihnen herunter. Dandruff fand als erster die Sprache wieder. “Werter Riese, was suchst Du im Vigilienland?” Der Riese lachte und die Erden begann leicht zu beben. “Ich bin auf der Suche nach einem Zwerg. Er hat ein Feuermal im Gesicht.” Dandruff starrte auf Maurin. Er hatte ein Feuermal. Maurin flüsterte zu Dandruff. “Das ist Nogut. Er ist extrem feindselig. Er hat meine Familie ausgelöscht.” Der Riese pustete die beiden an. “Flüstert nicht, das kann ich nicht leiden. Und was ich nicht leiden kann, macht mich zornig.” Maurin überlegte. An seiner rechten Gürtelschlaufe hing die Flasche mit dem selbstgebrauten Trank aus der Höhle und Dandruff hielt das goldene Wasser unter seinem Mantel versteckt. Er musste einen Weg finden, um die beiden Flüssigkeiten zusammen zu bringen und sie mit den Worten, die er sich notiert hatte zu befüllen. Nogut beugte sich weiter hinunter, so dass er den Zwerg und den Zauberer genauer betrachten konnte. “Das ist der Zwerg, den ich suche.” Maurins Magen gluckerte. Er sah sich um. Es gab keinen Höhleneingang in der Nähe, nur die Steine und die Bäume. Dandruff machte einen Schritt vor Maurin und stemmte die Hände in die Hüften. “Dieser Zwerg steht unter meinem besonderen Schutz.” Schon wieder bebte die Erde vom Lachen des Riesen. “Meinst du, du könntest mich aufhalten? Nogut hat bisher alle besiegt, die sich ihm in den Weg gestellt haben.” Und dann pustete er und ein starker Wind kam auf. Die Bäume bogen sich und Dandruffs Mantel flatterte kräftig. Dandruff hatte Mühe stehen zu bleiben. Er begann Worte zu murmeln und ein glitzernder Vorhang umgab ihn und Maurin. Sein Mantel hörte auf zu flattern. Hinter diesem Vorhang war Windstille. Maurin nutzte die Gelegenheit und schlüpfte unter den Mantel, griff nach der Flasche und hielt schließlich die Flasche mit der kostbaren Flüssigkeit in seiner linken Hand. Mit der rechten Hand löste er die Flasche mit dem Trank aus dem Kupferkessel aus der Gürtelschlaufe. Er öffnete die halbvolle Flasche und befüllte sie mit dem goldenen Wassser. Während er dies tat, sprach er die Worte, die ihm sein Großvater beigebracht hatte. “Nie wieder Krieg, nie wieder Krieg, Zuversicht soll mich führen.” Er wusste nicht, ob ihm der Zauber geglückt war. Er wusste nicht, ob diese Worte in diesem Trank nun gespeichert waren. Er wusste nicht, ob derjenige, der ihn trinken würde, sich verändern würde. Mutig schritt Maurin unter dem Mantel hervor. “Nogut, du hast mich solange gesucht. Lass uns darauf anstoßen.” Er hielt Nogut die Flasche hin. Sie schimmerte perlmuttfarben im Licht der abendlichen Sonne. Noguts Neugier war geweckt, denn seine Hand näherte sich Maurin. Nogut packte Maurin am Kragen und stellte ihn auf einen der Steine. “Zwerge sind hinterhältig. Warum sollte ich dir trauen?” Maurin nahm allen Mut zusammen. “Du willst ein mutiger Riese sein? Du traust dich ja nicht einmal hiervon zu trinken.” Nogut entriss Maurin die Flasche und leerte sie in einem Zug. Er rülpste. “Es schmeckt komisch, aber süß.” Maurin hatte lange auf diesen Moment gewartet. Würde er sich als Zauberer und Meister eines Zaubertrankes bewähren? Als er Nogut lächeln sah und dieser noch mehr vom Trank wollte, staunte auch Dandruff. Und Maurin stellte nur eine Frage. “Nogut, wie denkst du über Zwerge? Sind es immer noch deine Feinde?” Nogut blickte ihn verwirrt an. “Zwerge? Meine Feinde? Nicht mehr, kleiner Freund.” Und dann schaute Nogut zum Horizont. “Es ist schon spät. Ich muss nach Hause.” Als Dandruff und Maurin Nogut davonstapfen sahen, wussten sie, dass dies der Anfang einer neuen Zeit im Vigilienland war und dass nun ein Zwerg zur Gemeinschaft der Zauberer gehörte.

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