Der sprechende Pulli
Meine Mama sagt: "Jeder hat eine Mission." Aber ist es meine Mission, in die Schule zu gehen und zu lernen? Wer will schon wirklich lernen? Selbst meine Musiklehrerin hat keine Lust. Erst letzten Monat hat sie einen nassen Schwamm nach meinem schwätzenden Klassenkameraden vor mir geschmissen. Der hat sich geschickt weggeduckt. Und zack hatte ich das Mistding auf meinem Heft. Die blaue Tintenschrift war verschmiert. Na, toll, dachte ich. Dann rief sie mir zu, ich sollte ihn zurückwerfen. Das hätte sie nicht tun dürfen.
Jeder in meiner Klasse weiß, dass meine Wurfkünste berüchtigt sind. Wer mich schon mal Brennball spielen gesehen hat, weiß warum. Ich griff in den nassen, nach Kreide und schalem Wasser muffelnden Schwamm, ekelte mich kurz, holte hammermäßig aus und katapultierte den Schwamm nach vorne, mitten in das erstaunte Gesicht meiner Musiklehrerin. Ihr entfuhr spontan ein "Ihhh", ich würde sagen auf Tonlage eines cis, überlagert von vier Untertönen, insgesamt eine Quinte. Riesiges Gelächter. Nur in meinem Gesicht fühlte ich peinliche Anspannung. Was würde als nächstes passieren? Ich schloss die Augen und stellte mir vor, an der Tafel tausend Mal, mindestens, "Ich darf meiner Lehrerin den Schwamm nicht ins Gesicht werfen" zu schreiben. In einem anderen Alptraum sah ich, wie sie mir ein Ohr langzog. Oder würde sie gar Schlimmeres tun?
Ein Ausschrei, der wie mein Name klang, weckte mich aus meinen Träumen. Ich stand auf, ging nach vorne. Sie zeigte stumm auf die Tür und sagte dann nur ein Wort: "Direx". Mein Bauch schmerzte schlagartig, mit meinen Händen hielt ich ihn fest. Doch sie hatte kein Mitleid. Ihr Zeigefinger zeigte streng zur Tür. Ich setzte mich in Bewegung. Schon das dritte Mal diese Woche. Das erste Mal wegen einer weißen Socke, die ich während des Chemieunterrichts in Schwefelsäure schmiss. Der quoll wie wachsende Kohle aus dem Glas. Es sah absolut cool aus, echt. Ein Meisterwerk. Das zweite Mal, weil ich die Handarbeitslehrerin aus Versehen in die Kammer eingesperrt hatte. Federführend war aber Fritz, der hat nämlich die Idee gehabt. Ich habe den Schlüssel nur umgedreht.
Das Gekicher meiner Schulkameraden begleitete mich bis zur Tür. Ich schleppte mich hinaus, durch den Flur, bis zur Tür vom Direx. Was war schlimmer als das? Richtig, Handarbeit wäre jetzt schlimmer. Socken stricken, Maschen auf Stricknadeln quälen, vor allem meine zarten Hände. Das Bild half. Ich klopfte an. Ein Grummeln war zu hören wie "Hrrrn." Es hätte mit viel Fantasie "Herein" heißen können. Schwungvoll drückte ich den Türgriff herunter und sah durch den Spalt. Das Büro war leer. Okay, dachte ich mir. Dann setze ich mal auf den Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand.
Und dann sah ich die Quelle von "Hrrrn". Ein Nymphensittich, vor einem kleinen, runden Spiegel hin- und her wackelnd. Der „Typ“ war neu und absolut cool. Er hob den gelben Kopf immer wieder und dann kreischte er wieder "Hrrn". Ziemlich laut, fand ich, für so einen kleinen grauen Vogel. Sein Blick sagte mir, dass er mein Freund sein wollte. Ich stieg auf den Stuhl und hing den Käfig aus der Halterung an der Wand. Das wurde mit einem freundlichen „Gschgschgsch“ belohnt. Ich denke mal, das hieß "Danke". Ich legte meinen Finger auf den Mund. Ich wusste, was ich zu tun hatte.
Zusammen schlichen wir den Flur zurück. Vor dem Klassenzimmer nahm ich den Sittich und steckte ihn unter meinen Pulli. Als ich ins Klassenzimmer eintrat, schrieb die Musiklehrerin gerade an der Tafel. Mit großen Schritten näherte ich mich meinem Platz in der letzten Reihe. Würde er mitmachen? Ein wenig zitterte ich schon.
Ich hörte ein leises "Hrrn" unter meinem Pulli. Die Musiklehrerin drehte sich sofort um. Sie begrüßte es, dass ich so schnell wieder zurück sei und daher noch eine Menge lernen könnte. Sie fragte mich nach der Strafe. Ich überlegte. Bis zu den Sommerferien jeden Tag den Schulhof kehren? Ja, das hörte sich glaubhaft an. Ich sagte es. Und sie grinste. Das wäre gerecht, meinte sie. Unter meinem Pulli hörte ich ein "gerecht". Sie überlegte. "Hast du gerecht gesagt?" Ich schüttelte den Kopf. Sie drehte sich wieder zur Tafel und schrieb weiter. Als die Kreide quietschte, quietschte es auch unter meinem Pulli.
Mein Sitznachbar Fritz betastete die Ausbuchtung unter meinem Pulli. Sofort hackte der Sittich nach ihm. "Autsch" rief Fritz. Sofort schnellte die Musiklehrerin herum und kam auf mich zu. Ups, nun stand sie vor mir, in voller Größe und Lautstärke. Fritz berichtete, dass mein Pulli beißen könnte. Sie lachte und lachte und lachte. Und dann lachte der Sittich unter meinem Pulli. Und die Lehrerin lachte noch mehr. Dann lachten auch meine Mitschüler. Ich konnte den Pulli nicht mehr festhalten. Der Sittich schoss hervor und hüpfte auf meinen Platz. Er lachte und lachte und dann flog er der Musiklehrerin auf die Schulter.
Endlich war es mal lustig in Musik. Lustig sein, das könnte meine Mission sein.
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